DIE DOMINANZ DER FINANZWIRTSCHAFT ÜBER DIE REALWIRTSCHAFT

Die wirtschaftliche Haupt-Herausforderung liegt heute in der riesigen Kluft zwischen der realen und der Finanzwirtschaft, die ihre Wurzeln in der Art wie wir über Geld und Kapital denken hat. Für die meisten Menschen ist die Funktionsweise des Geldsystems eine Black Box. Dabei tut das heutige Finanzsystem genau das, wozu es konzipiert wurde. Aber es ist ein System, dass eine Anzahl von signifikanten strukturellen Unterbrechungen hervorruft. 

Eine davon ist die Dominanz der Finanzwirtschaft über die Realwirtschaft:

Der Gesamtwert des internationalen Handels in Jahr 2010 war nur 1,4% des Gesamtwertes von Devisengeschäften weltweit. Die überwältigende Mehrheit der Devisengeschäfte sind somit rein spekulativ, im Endeffekt reines Glücksspiel und dienen keinem nützlichen sozialen Zweck. Diese Diskrepanz zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft produziert die Finanzblasen, die die Weltwirtschaft immer wieder heimsuchen.

Und die Kluft zwischen der Finanzwirtschaft und der Realwirtschaft weitet sich dramatisch aus:

Quelle: Owning Our Future, Marjory Kelly

In den 80er Jahren entsprach die Größe des weltweiten Finanzmarktes in etwa der Größe des globalen Bruttoinlandsproduktes. Hinter jeder finanziellen Forderung stand also ein realer Wert. Im Jahre 2005 war der Finanzmarkt bereits 3,5 mal so groß wie die gesamte Produktionsleistung der Realwirtschaft; inkl. des Derivatemarkts, betragen die Forderungen des Finanzmarktes ein 10faches des Wertes der weltweiten Wirtschaftsleistung.

  • Laut McKinsey Global Institute, suchten die weltweiten Finanzmärkte in 2006 Investitionsmöglichkeiten in Höhe von US$ 167 Billionen. Diese Summe entsprach 3,5 mal der gesamten globalen Produktionsleistung der Realwirtschaft von damals US $52 Billionen. 

  • Die Gewinne des Finanzsektors sprangen von weniger als 16% (1985) auf 41% (2010) der gesamten inländischen Unternehmensgewinne, also den Gewinnen der restlichen Wirtschaft.

  • Von 1948 bis 1979 war die durchschnittliche Vergütung im Bankensektor im Wesentlichen die gleiche wie im privaten Sektor. Bis zum Jahr 2007 verdiente der durchschnittliche Bankangestellte doppelt so viel wie ein Arbeitnehmer im privaten Sektor. In 2008 bezahlten Wall Street-Unternehmen US $ 18 Mrd. Endjahres-Boni an ihre Investmentbanker und das im selben Jahr, als sie von der Regierung ein Rettungspaket in Höhe von US $ 243 Mrd. erhalten haben.

Quelle: Leading From The Emerging Future, Otto Scharmer

Darüber sollte man einmal nachdenken…

Ein hoch profitabler Finanzsektor ist in einer realen Wirtschaft mit schrumpfender Gewinnbasis nicht nachhaltig. Die Rendite auf das Kapital muss in der Realwirtschaft verdient werden.

Folglich wird, wenn der Finanzsektor soviel profitabler ist, dieser Gewinn durch eine Blase geschaffen, die an einem gewissen Punkt platzen und die Realwirtschaft den Preis dafür bezahlen wird.

DAS GRUNDLEGENDE PROBLEM

Das wirtschaftliche System hat sich zu Gunsten der großen Akteure entwickelt,
die die Gewinne an der Spitze privatisieren und die Verluste sozialisieren.

Diese Situation ist vergleichbar mit einem Kreislaufsystem, das das ganze Blut in den Kopf pumpt, während es die anderen Organe verhungern lässt. Geld spielt für die Wirtschaft dieselbe Rolle, wie Blut für den menschlichen Körper: Es hält das System in Bewegung, in Verbindung und am Leben. Wenn das Kreislaufsystem defekt ist, bedeutet dies, dass die Gesundheit der gesamten Wirtschaft gefährdet ist.

Das Hauptproblem mit unserem derzeitigen Finanzsystem ist, dass es sich zu sehr auf den kurzfristigen finanziellen Profit konzentriert, ohne dem Bewusstsein ihrer negativen Nebenwirkungen auf den Menschen und den Planeten. Das Ergebnis dieses Systems ist eine Wirtschaft, die unseren Unternehmen auferlegt, in einem stetig steigenden Niveau finanziellen Gewinn, ungeachtet negativer externer Effekte, zu generieren und dabei die längerfristige Gesundheit, Belastbarkeit und Überlebensfähigkeit unseres Wirtschaftssystems beeinträchtigt. Das einzige Ziel ist es, Kapital so weit wie möglich aus der Realwirtschaft zu extrahieren (Gewinnmaximierung), während man keine negativen Auswirkungen trägt (Risikominimierung).

Anstatt die Effizienz einer Finanzdienstleistungsbranche zu verbessern, dass die Gewinne extrahiert durch das Erzeugen von einer Blase nach der anderen, brauchen wir einen effektiveren Finanzmarkt, der den Bedürfnissen der Realwirtschaft dient.

Die Funktion aller Geld- und Finanzmechanismen ist es, der Realwirtschaft zu dienen - das heißt, dem Wohlergehen aller zu dienen. Geld und Kapital ermöglichen Bedingungen in unserer Wirtschaft für die Schaffung von Produkten und Dienstleistungen, die mit den Bedürfnissen der Gesellschaft übereinstimmen.

Das Problem ist nicht die Gier einzelner Banker, sondern das Design des Finanzsystems. Ein nachhaltiges Finanzsystem muss gemäß den Prinzipien der Fairness, Integration, Transparenz und Effizienz für die Realwirtschaft ausgelegt sein - keines dieser Punkte ist Teil der Gestaltung unserer heutigen Finanzsysteme.

Im systemischen Denken nennt man dies Suboptimierung:

Einem Subsystem erlauben zu profitieren, zum Nachteil des Ganzen, weil die Ziele des Subsystems dominieren und das größere System darunter leidet!

Dies ist die System-Bezeichung für das 1%-Problem: 
Wenn die reichsten 1% geschätzte 40% des globalen Reichtums besitzen.

ZU HOHE KOSTEN, NICHT GENUG WERT

Das Finanzsystem ist ein elementarer Teil unserer Wirtschaft und im Interesse der Verbraucher und unserer Gesellschaft als Ganzes, muss es reformiert werden. Das Argument, das unser Finanzsystem aufgrund des Nutzens, den es den Bürgern bringt, deshalb so teuer ist, täuscht über die Realität unseres Systems hinweg, da es nicht unter den klassischen freien Marktbedingungen funktioniert. Tatsächlich, ist es ein System von asymmetrischer Informationsverteilung (welches Verkäufer anstatt Käufer bevorzugt), unvollständigen Wettbewerbs und irrationalen Entscheidungen, getrieben von Emotionen anstatt rationalen Gründen. 

Die Regeln nach denen unser Finanzsystem funktioniert sind unstrittig: 

Quelle: Enough, John C. Bogle

Die Wahrheit, die dem zugrunde liegt und jeden dieser unstrittigen Punkte zusammenfasst, lautet: 

Per Saldo entzieht das Finanzsystem unserer Gesellschaft Wert.

Das soll nicht heißen, dass unser Finanzsystem ausschließlich Kosten verursacht. Es schafft tatsächlich maßgeblichen Wert für unsere Gesellschaft. Es ist also keinesfalls so, dass das System keinen Nutzen bringt. Das Problem dabei ist nur, dass die Kosten für diesen Nutzen diesen übersteigen. Die Finanzindustrie ist nicht nur der größte Sektor unserer Wirtschaft, sie ist auch die einzige Branche, in der Kunden unter dem Strich genau das bekommen, wofür sie nicht bezahlen. Und das Paradoxe ist, wenn sie nichts bezahlen würden, würden sie alles bekommen.

Der Schleier der Unwissenheit muss gelüftet werden. Wir müssen Wege finden, das Vermögensbildungssystem unseres Landes radikal zu verbessern, indem wir auf eine Mischung aus Aufklärung, Einbziehung aller Beteiligten, ökonomischen Dialog und struktureller Reform setzen.

  • Wir müssen einen Finanzsektor schaffen, der in etwa der Größe seiner Verantwortung zur Kapitalbildung entspricht, zu seiner Fähigkeit Liquidität für Langfrist-Anleger, als auch für Spekulanten zu bieten und zu seiner Verantwortung für Millionen deutscher Privatanleger.

  • Wir müssen einen Investment-Sektor schaffen, in welchem eine Kultur der treuhänderischen Verantwortung und langfristigem Denken, die Kultur der Spekulation, des Kurzfrist-Handels, des Verkäufertums und Marketings dominiert. 

  • Wir müssen eine Kultur der finanziellen und treuhänderischen Verantwortung schaffen, die eine herausragende Rolle in der langen Historie des Investierens spielt, in der unternehmerische Innovation und Spekulation nur eine unterstützende Rolle einnimmt - also dem exakten Gegenteil dessen, wie unser Finanzsystem aktuell funktioniert. 

In dieser neuen und gerechter verteilten Kultur, sollte unsere Finanzbranche eine weitaus bessere Arbeit beim  Erschaffen von "gesunden" Renditen für ihre Anleger, zu wettbewerbsfähigen Kosten und einem über die gesamte Laufzeit angemessenen Risiko, leisten. Es ist die Verantwortung unseres Finanzsystems, der Gesellschaft und deren Menschen zu dienen - die letztendlich die Quelle des gesamten Produktivkapitals in unserer Wirtschaft sind - ihnen ihren fairen Anteil der Renditen zu liefern, welche die Unternehmen über die Lebensdauer einer Anlage zu erwirtschaften in der Lage sind.   

Im Interesse der Öffentlichkeit und im Interesse der Bürger müssen wir unbedingt fordern, dass der Finanzsektor effektiver funktioniert als heute.